Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

9,90

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Beschreibung

Unter Linken

Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

Eine Erkundung der linken Lebenswelten – persönlich, boshaft und sehr unterhaltsam.

  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH; Auflage: 2 (11. Mai 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498021257
  • ISBN-13: 978-3498021252

„Mit so viel Witz und scharfer Intelligenz hat sich in Deutschland noch
keiner die Linke vorgenommen.“ Roger Köppel, Die Weltwoche

 

Kurzbeschreibung
Linke müssen sich in Deutschland für ihre
Ansichten nicht rechtfertigen. Sie haben ihre Meinung flächendeckend
durchgesetzt, nicht im Volk, aber in den tonangebenden Kreisen, also
da, wo sie vorzugsweise zu Hause sind. Wer links ist, lebt im schönen
Gefühl, immer Recht zu haben. In der Politik haben sich die Linken oft
geirrt, aber irgendwie macht das nichts, immer werden ihnen die besten
Motive zugebilligt. Warum eigentlich? Jan Fleischhauer hat einen
Großteil seines Lebens unter Linken verbracht – vom Elternhaus über
Schule und Universität bis zum Milieu der Journalisten, im der seit
zwei Jahrzehnten arbeitet. Jetzt unterzieht er sie einer genauen
Betrachtung, mit dem Abstand desjenigen, der irgendwann entdeckte, dass
er nicht mehr dazugehört. Das Buch ist Analyse, Polemik und
persönlicher Erfahrungsbericht. Ein Streifzug durch das Imperium der
Linken.

Klappentext
Linke Lebenswelten?
SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer weiß, wovon er spricht, hat er doch
gleich mehrere linke Milieus durchlaufen: zu Hause (in einem typischen
Hamburger Hardcore-SPD-Haushalt), in der Schule, in der
Journalistenausbildung und auch beim SPIEGEL. Er hat das alles auch
brav, teilweise sogar mit Emphase, mitgemacht, bis er irgendwann
merkte: Links sein ist nichts für mich. «Am Anfang versuchte ich, meine
konservativen Neigungen zu unterdrücken. Ich redete mir ein, sie würden
vorbeigehen wie jugendliche Hitzewallungen. (…) Das Schwierigste für
jeden späteren Konservativen ist immer das Coming-out.» Darüber hat Jan
Fleischhauer ein scharfsinniges, scharfzüngiges Buch geschrieben, das
für Diskussion sorgen wird (und will) – ein Buch der Entzauberungen,
der Zerstörung von Legenden und Halbwahrheiten. BOOKMARKS hat den Autor
zu linken Lebenswelten und konservativen Aufbrüchen befragt.

DAS INTERVIEW (BOOKMARKS):

Wen meinen Sie, wenn Sie von «links» sprechen – die Grünen, die Sozialdemokraten oder die Mitglieder der Linkspartei?
Die
Linke, mit der ich mein Leben lang zu tun hatte, ist ein Milieu, das
man am besten als Links-Bürgertum bezeichnen kann und das sich schnell
an seinen Konsum- und Lebensgewohnheiten erkennen lässt, dieser
Lebenswelt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen, die sich über
ganz Deutschland ausgebreitet hat und heute jedes Innenstadtquartier
bestimmt. Links sein ist hier viel mehr als eine ideologische
Zuschreibung, die sich an einer Parteipräferenz festmachen lässt, es
ist ein Lebensgefühl. Wer links ist, lebt in dem schönen Gefühl,
moralisch irgendwie privilegiert zu sein.

«Ein Mann
sieht rot», heißt es in der Rowohlt-Verlagsvorschau über Ihr Buch.
Sehen Sie tatsächlich so viel Rot, wenn Sie sich im Wahljahr 2009 die
politisch-kulturelle Landschaft Deutschlands anschauen?

Jedenfalls
ist der alte Gegensatz zwischen links und rechts wieder in Kraft. Bis
vor kurzem hieß es doch immer, die alten politischen Unterscheidungen
hätten ihre Bedeutung verloren, jetzt ist wegen der Krise allenthalben
von der Renaissance der Linken die Rede. Die andere Seite hat übrigens
in der politischen Berichterstattung nie eine Renaissance, da kann noch
so viel passieren. Für Leute, die der Marktwirtschaft immer schon
kritisch gegenüber standen, ist die Wirtschaftskrise ein
Gottesgeschenk, weil sie einen jeder weiteren Argumentationsmühe
enthebt. Man muss in einer Diskussion nur „Achermann“ oder „Wall
Street“ rufen, wenn sich jemand mit einem schüchternen Einwand
hervortraut, und schon wackeln alle Umstehenden einverständig mit den
Köpfen.

Sie wuchsen «links behütet» in einem Hamburger
SPD-Haushalt auf. Erzogen von einer Mutter, die 39 Jahre treues
SPD-Mitglied war, bis sie wegen Beck/Ypsilanti «die Partei» verließ.
(Nicht verhindern konnte Frau Fleischhauer aber, dass sich ihr Sohn in
jungen Jahren in Hamburg-Wellingsbüttel beinahe einer
Top-Befreiungsbewegung angeschlossen hätte, den amerikanischen Black
Panthers …) Haben Sie es je bedauert, nicht in einem konservativeren
Elternhaus groß geworden zu sein?

Würde ich mit Ja
antworten, müsste ich damit einräumen, dass ich mir andere Eltern
vorstellen könnte. Außerdem hätten wir dann ja zuhause nichs zu
streiten gehabt, oder mehr noch: Ich wäre vielleicht aus Protest ein
Linker geworden. Es ist übrigens gar nicht so schlimm in einem Haushalt
aufzuwachsen, in dem es amerikanische Konsumprodukte aus Prinzip schwer
haben und kleinen Kooperativen beim Einkauf grundsätzlich der Vorzug
gegeben wird, auch wenn die Kleiebrötchen aus ökologisch wertvollem
Anbau wie Brickets schmecken. Andere Kinder müssen auf Grund ihres
Glaubens ohne Koteletts groß werden und vier Wochen im Jahr fasten.

«Ich
gehöre zu einer Generation, die gar nichts anderes kennt als die
Dominanz der Linken …» Die Ära Helmut Kohl, die Kanzlerschaft Helmut
Schmidts, die Gerhard-Schröder-Jahre, die Große Koalition unter Führung
Angela Merkels – alles «Dominanz der Linken»?

Die Linke ist
die kulturell dominierende Macht in Deutschland; sie bestimmt, wie die
Dinge zu sehen und zu bewerten sind – das gilt für das Theater, die
Kunst und in besonderer Weise die Meinungswirtschaft, in der ich seit
20 Jahren arbeite. Das Volk hingegen hängt störrisch seinen Vorurteilen
an, deshalb haben es Linke ja auch so schwer, ganz nach oben an die
Regierung zu kommen, denn das setzt in der Regel einen für jedermann
zugänglichen Wahlgang voraus.

Viel Feind, viel Ehr’!
Jede Menge linker Polit- und sonstiger Prominenz bekommt in Unter
Linken ihr Fett ab, Oskar Lafontaine, Hans Mommsen, Jürgen Habermas,
Erich Fried, Jens Jessen u.v.m. Erwarten Sie einen Aufschrei der
Entrüstung nach Erscheinen Ihres Buches?

Die Hälfte ist
tot, emeritiert oder im intellektuellen Vorruhestand, insofern erhoffe
ich eine gewisse Schonung aufgrund geriatrischer Abnutzung. Anderseits
sind alle Aufrufe zu Toleranz und Achtung von Minderheiten auf der
Linken immer ganz schnell vergessen, sobald sie auf einen leidlich
konservativen Menschen stößt. Wir werden sehen, welche Kräfte die
Oberhand behalten. Aber was soll ich mich beklagen? Vermöbelt zu
werden, gehört dazu.

Zu den lustigsten Passagen Ihres
Buches zählt die Beschreibung des «Orkans» Wolf Schneider, der in Ihrer
Berufsfindungsphase einst über Sie hereinbrach. Wodurch hat der Leiter
der Hamburger Journalistenschule von Gruner + Jahr Ihr Verständnis von
gutem Journalismus geprägt?

Schneider kannte keinen
Betroffenheitsjournalismus, schon gar keinen Kitsch und keine
Sentimentalität beim Schreiben, was ich für eine große Tugend zu halten
gelernt habe. Bei verunglückten Sprachbildern schrieb er „Bäh“ daneben,
angeblich malte er in besonders schlimmen Fällen kleine Galgen, aber
vielleicht ist das auch nur ein Gerücht. Ich habe jedenfalls enorm von
ihm profitiert – vor allem hat er mir die Auge dafür geöffnet, dass ein
realistisches Menschenbild den Journalisten weiter trägt als ein
idealistisches.

Konnten Sie Rowohlt-Verleger Alexander
Fest mittlerweile eigentlich erklären, weshalb die Linke und der Humor
phänotypisch definitiv nicht zusammenpassen …?

Wer laufend
gegen das Unrecht kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse
Machenschaften, dessen Gemütszustand ist notgedrungen etwas angespannt.
Das ist durchaus hilfreich bei der Nachwuchsgewinnung, wie sich zeigt;
den Reiz, den die Einschreibung bei der Linken ausübt, hängt
unzweifelhaft mit ihrer Erregungsbereitschaft zusammen. Für den Humor
allerdings ist die Daueraufgeregtheit Gift. Wenn Linke lustig sind,
dann wider Willen oder in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung.

Autorenporträt
Jan Fleischhauer, geboren
1962 in Hamburg, Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie,
danach Besuch der Henri-Nannen-Schule von Gruner + Jahr. Seit 1989
Redakteur beim SPIEGEL in wechselnden Funktionen, darunter
stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretender
Leiter des Hauptstadtbüros. Von 2001 bis 2005 Wirtschaftskorrespondent
in New York. Seit September 2008 Autor des SPIEGEL in Berlin.