{"id":7938,"date":"2016-03-19T16:52:56","date_gmt":"2016-03-19T16:52:56","guid":{"rendered":"http:\/\/andromeda-buecher.de\/buch2\/shop\/20-jahre-junge-freiheit-idee-und-geschichte-einer-zeitung\/"},"modified":"2016-03-25T15:24:26","modified_gmt":"2016-03-25T14:24:26","slug":"20-jahre-junge-freiheit-idee-und-geschichte-einer-zeitung","status":"publish","type":"product","link":"http:\/\/andromeda-buecher.de\/buch2\/produkt\/20-jahre-junge-freiheit-idee-und-geschichte-einer-zeitung\/","title":{"rendered":"20 Jahre JUNGE FREIHEIT. Idee und Geschichte einer Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Broschiert: 304 Seiten<br \/>\nVerlag: Edition Antaios; Auflage: 1 (14. August 2006)<br \/>\nSprache: Deutsch<br \/>\nISBN: 3935063407<\/p>\n<p>\u00a9 JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH &amp; Co. jungefreiheit.de 22\/06 26. Mai 2006<br \/>\nDer Tag, als die Druckerei das erste Mal \u00fcberfallen wurde<br \/>\nVorabdruck: Auszug aus dem Buch &#8222;20 Jahre JUNGE FREIHEIT&#8220;, das Ende Juni in der Edition Antaios erscheint<br \/>\nG\u00f6tz Kubitschek<\/p>\n<p>Der Dienstag war der ruhige Tag. Ausschlafen, Fr\u00fchst\u00fccken gehen, irgendwo in die Stadt. Am Abend sammelten wir uns wieder im B\u00fcro. Da stand ein Kasten Bier. Es gab Pizza und W\u00fcrstchen, irgend jemand hatte aufger\u00e4umt, und wir sa\u00dfen bis in die Nacht in der Redaktion.<\/p>\n<p>Ein paar hundert Kilometer weg montierte ein Drucktechniker die Filme f\u00fcr die neue JF, und manchmal stellte ich mir vor, da\u00df er in den Artikeln las und einfach korrigierte, was ihm nicht pa\u00dfte. Die taz hatte solche Eingriffe durch die Arbeiter der Faust stets geduldet, in Klammern stand dann hinter der \u00c4nderung &#8222;S\u00e4tzer&#8220;, mit &#8222;\u00e4&#8220;, und solcherlei Mitdenken wurde begr\u00fc\u00dft als Signal \u00fcber die eingebildeten Klassengrenzen hinweg. Der &#8222;S\u00e4tzer&#8220; in Weimar war aber doch eher ein &#8222;Setzer&#8220;, und Goethes Wirkungsst\u00e4tte nicht Goethes Geburtsstadt: Weimar erlebte keine fetten Jahre, und Union Druck bl\u00fchte als seltenes Pfl\u00e4nzchen inmitten eines maroden Industriegebiets, in dem nach der Wende kein Stein auf dem anderen geblieben war. Wer 1994 als Drucker Arbeit hatte, konzentrierte seine Kraft auf den Erhalt des Betriebs, und der Auftrag der JUNGEN FREIHEIT war keine Kleinigkeit, sondern ein regelm\u00e4\u00dfiges, gutes und zuverl\u00e4ssig eingetaktetes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Am 4. Oktober 1994 konnte der Setzer der Union Druckerei in Weimar seine Arbeit jedoch nicht beenden. Um kurz vor Mitternacht st\u00fcrmten zwei maskierte Antifaschisten in die Werkhalle, und w\u00e4hrend der Setzer und seine Kollegen in die M\u00fcndung einer Pistole starrten, raffte das Kommando aus den B\u00fcros und vom Montagetisch zusammen, was an Unterlagen \u00fcber die JUNGE FREIHEIT bereitlag. Nach f\u00fcnf Minuten war der Spuk vorbei, und zum ersten Mal fragte sich der Setzer, ob es nicht angebracht sei, einmal in dem zu lesen, was er da druckte.<\/p>\n<p>Einige Minuten danach klingelte in Potsdam das Telefon. Dieter Stein ging ran. Ein paar Minuten sp\u00e4ter wu\u00dften auch wir anderen Bescheid: Union Druck in Weimar ist \u00fcberfallen worden. Zwei T\u00e4ter haben die Adre\u00dfaufkleber aller unserer Abonnenten erbeutet, dazu die Verteilerschl\u00fcssel f\u00fcr den Kioskverkauf und einige belichtete Filme f\u00fcr den Druck.<\/p>\n<p>Wir waren wie vor den Kopf gesto\u00dfen. Uns allen war klar, die JF w\u00fcrde heute nicht mehr fertiggedruckt und in den Versand gebracht werden k\u00f6nnen. Das war auch nicht mehr wichtig. Probleme existentieller Art standen ins Haus: W\u00fcrden die Weimarer sich aufgrund des Vorfalls weigern, weiterhin die JF zu drucken? W\u00fcrden die Abonnenten Drohbriefe erhalten oder andere Einsch\u00fcchterungen erfahren? Wie viele w\u00fcrden k\u00fcndigen, welcher Prominente w\u00fcrde, als Leser enttarnt, dem Druck von links nachgeben und sich \u00f6ffentlich von der JUNGEN FREIHEIT distanzieren? Das waren wichtige Fragen: Jeder Substanzverlust brachte die JF an den Rand des Zusammenbruchs, so etwas wie eine strategische Reserve war noch nicht gebildet: Das Projekt lebte von der Hand in den Mund.<\/p>\n<p>Irgendwann nach Mitternacht kam aus Weimar die Meldung, da\u00df man erst weiterdrucken k\u00f6nne, wenn die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung \u00fcber die Zusammenarbeit mit der JUNGE FREIHEIT eine grunds\u00e4tzliche Entscheidung getroffen habe. Au\u00dferdem brauche man erneut Filme aus dem Belichtungsb\u00fcro in Erfurt. Versand der Zeitung zu den Abonnenten sei somit fr\u00fchestens nach dem Wochenende m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Wir berieten. \u00dcber den Vorfall in Weimar w\u00fcrde erst in der n\u00e4chsten Nummer berichtet werden k\u00f6nnen. Ich selbst beschlo\u00df, das Studium Studium sein zu lassen, den Rest der Woche in Potsdam zu bleiben und die Entwicklung der Lage zu verfolgen. In einem war ich mir ganz sicher, und ich teilte diese \u00dcberzeugung mit Dieter Stein und den anderen Redakteuren: Die Medien w\u00fcrden diesen Vorfall nicht mehr verschweigen k\u00f6nnen. Hier war die Pressefreiheit im Kern bedroht, denn einen Raub\u00fcberfall auf eine Druckerei, ausgef\u00fchrt mit dem Ziel, das Erscheinen einer mi\u00dfliebigen Zeitung zu verhindern, hatte es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben.<\/p>\n<p>Die Ern\u00fcchterung kam im Verlauf des n\u00e4chsten Tags. Dieter Stein hatte noch am fr\u00fchen Vormittag eine Pressemitteilung abgesetzt. Schon w\u00e4hrend eines sp\u00e4ten Fr\u00fchst\u00fccks warteten wir st\u00e4ndig auf Anrufe von aufgebrachten Journalisten, die der JUNGEN FREIHEIT ihre Solidarit\u00e4t und eine faire Berichterstattung zusichern w\u00fcrden. Aber das Telefon blieb stumm. Statt dessen erhielten wir kurz vor Mittag ein Flugblatt gefaxt, das der th\u00fcringische Landesverband der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) in Weimar verteilen lie\u00df. Die HBV protestierte dagegen, da\u00df die JF in Weimar gedruckt wurde. Das war an sich nichts Aufregendes, solche Proteste, Boykottaufrufe oder Verleumdungspamphlete geh\u00f6rten f\u00fcr die Redaktion zum Alltag. Aber eine Textstelle im Flugblatt der HBV elektrisierte uns: Der \u00dcberfall von vergangener Nacht war bereits erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Woher wu\u00dfte die HBV von dem \u00dcberfall? Die \u00d6ffentlichkeit war weder von der Polizei, noch von der Unions-Druckerei informiert worden, und unsere eigene Pressemitteilung lag erst seit ein paar Stunden vor. Verteilt wurde das Flugblatt jedoch schon seit B\u00fcrobeginn.<\/p>\n<p>Nachdem also das personelle Netzwerk um die PDS und die Gewerkschaft HBV in Th\u00fcringen recherchiert war, setzte Dieter Stein abermals eine Pressemitteilung ab. Wir waren uns sicher: Sp\u00e4testens jetzt w\u00fcrden die politischen Gegner, w\u00fcrden die Strukturen der DDR-Opposition, die B\u00fcrgerrechtler, die in ihrer Tendenz konservative CDU Th\u00fcringens und die regionalen und \u00fcberregionalen b\u00fcrgerlichen Bl\u00e4tter den Vorfall aufgreifen und f\u00fcr einen Angriff auf den dunkelroten Filz in Weimar nutzen.<\/p>\n<p>Aber wieder irrten wir uns. Selbst Anrufe bei befreundeten CDU-Funktion\u00e4ren aus dem Mittelbau in Erfurt brachten keinen Erfolg. Taktische Erw\u00e4gungen und b\u00fcrgerliche Feigheit verhinderten selbst eine kleine Anfrage im th\u00fcringischen Landtag, und ich erinnere mich an einen Duzfreund aus dem Innenministerium, der am Telefon w\u00f6rtlich sagte, er halte einen Anruf von mir &#8222;zum jetzigen Zeitpunkt f\u00fcr politisch unsensibel&#8220;. Mit anderen Worten: Er sah seine Karriere gef\u00e4hrdet, eines simplen Telefongespr\u00e4chs wegen.<\/p>\n<p>Auf diese Weise ern\u00fcchternd vergingen die Tage nach dem \u00dcberfall. Wir arbeiteten l\u00e4ngst an der n\u00e4chsten JF, aber ohne Schwung und Galgenhumor. Die Atmosph\u00e4re war zwiesp\u00e4ltig: Der Raub\u00fcberfall hatte deutlich gemacht, da\u00df wir nicht an Paranoia litten. Die Bedrohung war f\u00fcr jeden, der die Augen offenhielt, sichtbar geworden, und so hatte der Vorfall kl\u00e4rende Wirkung. Er schreckte unsichere Kantonisten ab und machte jene aufmerksam, denen es nicht um Zustimmung zu den Positionen der JF ging, sondern um das Prinzip der Meinungs- und Pressefreiheit schlechthin.<\/p>\n<p>So wichtig und vorteilhaft diese Kl\u00e4rung war, hatte sie dennoch einen Haken: F\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit war weiterhin nichts vorgefallen. Auch nach dem Wochenende war &#8211; abgesehen von einer kleinen Meldung im Weimarer Lokalteil der Th\u00fcringischen Allgemeinen &#8211; nirgends etwas \u00fcber die kriminelle Behinderung unserer Arbeit berichtet worden. Das war ein Schock, der l\u00e4hmte, denn es bedeutete, da\u00df wieder einmal nur die JF selbst \u00fcber ihre eigene Sache berichten w\u00fcrde. Der Kreis derer, die Kenntnis vom \u00dcberfall erhalten w\u00fcrden, bliebe beschr\u00e4nkt auf die eigenen Leute, und der Vorwurf der \u00dcbertreibung w\u00fcrde ganz sicher erhoben werden. Die Argumentationskette war stets dieselbe: So schlimm, wie die JF den Vorfall beschrieb, konnte es nicht gewesen sein. Denn die unabh\u00e4ngigen Medien in einer freiheitlichen Demokratie h\u00e4tten einen massiven Angriff auf die Pressefreiheit sicherlich nicht verschwiegen, sondern schon aus prinzipiellen Gr\u00fcnden aufgegriffen. Man m\u00fcsse also davon ausgehen, da\u00df die JF bewu\u00dft \u00fcbertrieben habe, um Solidarit\u00e4t zu erzwingen, wo keine notwendig sei.<\/p>\n<p>Und so kam es: JF-Redakteur Markus Zehme schrieb den Beitrag \u00fcber den Raub\u00fcberfall. Von den Lesern kamen aufmunternde Briefe und Anrufe, die JF konnte einige trotzige Neu-Abonnenten als Solidarisierungsgewinn verbuchen und damit die panikartigen K\u00fcndigungen von Leuten ausgleichen, denen ab sofort bereits der regelm\u00e4\u00dfige Bezug einer angefeindeten Zeitung zu gef\u00e4hrlich erschien. Obwohl die Ausgabe mit Zehms Bericht breit in die deutschen Zeitungs- und Rundfunkredaktionen gestreut wurde, kam keine mediale Reaktion, auch nicht von den beiden Journalisten, die f\u00fcr eine genauere Recherche bei Dieter Stein anriefen.<\/p>\n<p>Als ich nach einer Woche &#8211; wiederum mit dem &#8222;Billig-Ticket&#8220; &#8211; zur\u00fcck nach Hannover fuhr, tat ich es erstmals mit dem Gef\u00fchl von Aussichtslosigkeit: Schlimmer als die Gegnerschaft gutorganisierter und gewaltbereiter Antifaschisten war das l\u00e4ssige Schweigen derer, die an den Schalthebeln der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung sa\u00dfen und genau wu\u00dften, was sie taten, wenn sie schwiegen. Wenn das so blieb, w\u00fcrde die JUNGE FREIHEIT lautlos verschwinden.<\/p>\n<p>G\u00f6tz Kubitschek ist Verleger (Edition Antaios), verantwortlich f\u00fcr die vom Institut f\u00fcr Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und Autor des Jubil\u00e4umsbuches &#8222;20 Jahre JUNGE FREIHEIT&#8220;. Zu der hier beschriebenen Zeit, 1994, war er Praktikant der JF, von 1995 bis 1997 Redakteur f\u00fcr Sicherheitspolitik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Broschiert: 304 Seiten Verlag: Edition Antaios; Auflage: 1 (14. August 2006) Sprache: Deutsch ISBN: 3935063407 \u00a9 JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH &amp; Co. jungefreiheit.de 22\/06 26. 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